Lesetipp von
Sybille Kramer
30.10.2022

Wir befinden uns in einem feinen Londoner Vorort im Jahre 1967. Hier wohnt Familie Fischer in gutbürgerlichen Verhältnissen. Man gibt sich weltoffen - aber eigentlich soll sich politisch bitteschön nichts ändern. Der Hausherr Roger hat einen guten Job im Außenministerium, seine hübsche Frau Phyllis kümmert sich um Haus und Kinder sowie die sozialen Kontakte mit der spießigen Nachbarschaft.

So weit, so gut. Und so langweilig - denkt sich Phyllis, Anfang 40. Als Roger den Sohn von alten Freunden zu einem Abendessen einlädt, flirtet sie mit ihm und küsst ihn heimlich im dunklen Garten. Das ist der Beginn einer Affäre mit Nicholas, der erst Anfang 20 ist.

Was beim Lesen sofort an "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman erinnert und hier etwas kitschig klingt, entwickelt sich dann doch ganz anders. Phyllis verlässt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ihre Familie, bricht sogar den Kontakt zu ihren beiden Kindern ab und versucht, ein moderneres, freies Leben in London zu beginnen - wobei sie immer wieder an ihre eigenen Grenzen stößt. Wir sind der Protagonistin ganz nah und erleben ihre inneren Konflikte mit. Als auch noch ihre 16-jährige Tochter Colette vor der Tür steht und für sich die gleichen Freiheiten einfordert, die ihre Mutter sich herausnimmt, beginnt der Roman nochmal an Fahrt aufzunehmen.

Tessa Hadley, Jahrgang 1956, die erst mit 46 Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte, ist eine genaue Beobachterin und beschreibt hervorragend, was in dieser Familie alles zerbricht, was an Neuem entsteht und was für Geheimnisse noch ans Licht kommen. Zusätzlich bekommen wir ein lebendiges Bild des sich im Wandel befindlichen London der Swinging Sixties.

Übersetzung: Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Roman
Kampa Verlag , 22,00 €

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